Wie die Corona-Krise 2020 eindeutig beweist, hängt das Wohlergehen einer Gesellschaft, aber auch der Wirtschaft und des kulturellen Lebens vom Funktionieren des Gesundheitssystems ab. Das Gesundheitssystem benötigt dafür im Wesentlichen neben der Bereitstellung der erforderlichen Geldmittel vor allem Baulichkeiten, Geräte und qualifizierte Menschen in ausreichender Zahl.

Die wesentlichste Aufgabe der Verantwortlichen in einer solchen Krise besteht darin, die Angehörigen der Gesundheitsberufe vor Erkrankung und daher vor Arbeitsunfähigkeit zu schützen, was letztlich der Gesamtbevölkerung zugutekommt. Der Begriff „Patientensicherheit“ greift daher zu kurz, weil die Sicherheit der Patienten nur durch gesunde und sichere Angehörige der Gesundheitsberufe möglich ist. Der deutsch etwas sperrige Begriff dafür, „Sicherheit der Angehörigen der Gesundheitsberufe und der Patienten“, klingt im Englischen einfacher und besser: „Health Care Safety“ („HCS“).

 

Wo beginnt HCS?

Die Sicherheit des Gesundheitspersonals beginnt mit der Ausbildung, umfasst den gesamten technischen Arbeitnehmerschutz (Beistellung von Schutzkleidung in ausreichenden Mengen, Sicherheit von Geräten usw.), umfasst aber auch weniger sichtbare Schutzmaßnahmen, wie Beistand im Falle von Schadensereignissen, psychologische Betreuung in schwierigen Situationen und vieles mehr.

 

Best Practice Beispiele für HCS

Im AKH Wien wurden seit dem Jahr 2000 zwei inzwischen bewährte Werkzeuge für einen umfangreichen Schutz des Gesundheitspersonals entwickelt: Die retrospektive Schadensanalyse und der „juristische Notfallkoffer“. Erstere wurde eingeführt, um durch genaue Kenntnis der Umstände, die zu einem Schadensereignis führen, zu einer nachhaltigen Reduktion von unerwünschten Ereignissen zu gelangen. Das Ziel, die Schadensereignisse zu halbieren, wurde nicht nur erreicht, sondern nachweislich übertroffen und gehalten. Um in einem Schadensereignis, das in einem Krankenhaus auch außerhalb der normalen Bürozeiten auftreten kann, rasch juristischen Beistand zu bekommen, wurde die Möglichkeit geschaffen, auch in den Nachtstunden und während des Wochenendes sofort und unkompliziert einen Juristen kontaktieren zu können. Diese seit 2007 etablierte Einrichtung hat dazu geführt, dass sämtliche Fälle, die auf diese Weise rasch gemeldet wurden, ohne mediales Echo und ohne Gerichtsverfahren abgewickelt werden konnten. Ergänzt werden diese beiden Werkzeuge durch Beratungen und Schulungen des Personals. All dies wurde nicht aufgrund gesetzlicher Vorgaben, sondern primär durch eine freiwillig ausgeweitete Kooperation zwischen dem AKH Wien und der Wiener Städtischen Versicherung als Haftpflichtversicherer möglich und ist folglich auch in keinem anderen Krankenhaus Österreichs in dieser Form etabliert.

 

Plädoyer für eine European Agency for HCS

 Die Corona-Pandemie hat nicht nur eindrucksvoll gezeigt, wie rasch selbst gut etablierte nationale Gesundheitssysteme an ihre Grenzen stoßen können, sondern dass auch europäische Mindeststandards (etwa für die Ausstattung mit Schutzbekleidung, Lagerhaltung von Desinfektionsmitteln usw.) dringend nötig sind. Um noch zu schaffende Mindeststandards auch effektiv überprüfen zu können, bedarf es einer noch zu etablierenden europäischen Behörde (European Agency for Health Care Safety) mit weitreichenden Durchgriffsrechten, die im Sinne des oben Gesagten bei der Sicherheit des Gesundheitspersonals ansetzen sollte, da hier die Gesundheitssysteme am verwundbarsten sind. Auf anderen Gebieten, etwa der Luftfahrt, ist so ein System längst realisiert.

Dass die EU derzeit aufgrund des Artikels 168 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union keine Zuständigkeit hat, könnte – den politischen Willen der Vertragsparteien vorausgesetzt – geändert werden, etwa durch Anfügung eines Artikels 168a, der die Eigenheiten der nationalen Gesundheitssysteme unberührt lässt. Die Verfasser des Artikel 168 haben seinerzeit nicht an eine Pandemie und ihre überregionale Bekämpfung gedacht, womit eine echte Lücke vorliegt. Artikel 168 Absatz 5 könnte bei politischem Willen und weiter Interpretation der Vertragsparteien schon jetzt als Ansatz für die unbedingt nötigen Aktivitäten hilfsweise herangezogen werden.

 

Autor: SR Mag. Dr. Leopold-Michael MARZI
Leiter der Stabsstelle Vorfallsabwicklung und Prävention (AVP) in der Ärztlichen Direktion des AKH Wien (Link); zahlreiche Publikationen und Vorträge. 


24.05.2020